Öffentlicher Raum und Geschlecht (anger) (guest post)

Original post by wort_gefechte:

http://wortgefechte.blogsport.eu/2018/05/19/no-matter-what-you-do-itll-be-wrong-so-do-what-you-want-anger/

Allein reisen, als Frau, bedeutet Konfrontation mit Sexismus. Von meiner Seite aus war das irgendwie verdrängt. Vor der Reise war man (ich) statt dessen mit unterschiedlichen Ängsten konfrontiert, von denen man (ich) nicht wusste, wo sie herkamen. (Eigentlich kommst du doch recht gut alleine klar, dachte ich mir dann etwas erstaunt. Trotzdem waren Alpträume, generell nervöser Schlaf und [jetzt neu] ein seltsames Augenzucken am Start, wenn ich anfing über die Reise zu reden.) Wo geht es hin? Italien, 30 Tage. Ich spreche die Sprache und kenne das Land. Kein Grund zur Sorge also, eigentlich.

Ich bin nun vier Tage hier und nur noch pissig über das Ausmaß an Provokation, das einige Männer durch das Konzept ‚allein reisende Frau‘ empfinden. Der Versuch, die Reaktionen der letzten Tage Revue passieren zu lassen, ließt sich in etwa so:

* „Wo ist denn dein Freund?“

* „Du reist allein????“

* „Hast du denn keinen Freund?‘

* „Du reist allein????“

* „Du kannst hier bestimmt jemanden kennenlernen, wenn du dich in eine Bar setzt, so wie du aussiehst.“

* „Und dann, wenn du in Napoli ankommst, holt dich dein Freund ab?“

* „Du reist allein????“

* „Hast du Freunde in Deutschland?“

* [Sowieso ständig angelabert werden, immer gucken, ob man sich jetzt da-und-da hinsetzt, oder ob potenziell Männer in der Nähe sind]

* Als ich ein Stück Pizza kaufe: „3,50 Schätzchen“

* Als ich eine Cola bestelle: „Noch was, Goldstück?“

*Als ich auf der Piazza auf einer Bank sitze, kommt ein Typ, setzt sich viel zu dicht neben mich und sagt: „Hier saß ich schon“. Er grinst und kommt mir mit seinem Gesicht so nah, dass ich den Atem spüre.

*Im Zug, mir sitzt ein Typ gegenüber, ich packe mein Buch aus, es ist auf italienisch, er spricht mich an: „Du bist Italienerin?“ Ich: „Ja, so halb…“ Er: „Du siehst so ausländisch aus. Wo kommst du her?“ [kurze Unterhaltung, die ich abbreche und sehr höflich darauf verweise, dass ich gern lesen würde] [kurze Stille] Typ: „Du bist komisch. Bist du Einzelkind??“ (Ich bin eine 33-jährige Frau) [Ich beginne langsam ernsthaft darüber nachzudenken, zu behaupten, ich hätte einen Freund, wenn ich das nächste angesprochen werde. Denn nachwievor ist das eine Grenze, die mehr respektiert wird, als die Tatsache, dass man als Frau einfach keine Lust hat auf Unterhaltung.]

* Ich sitze mit zwei Typen beim Essen, sagt der eine: „Ich muss abnehmen, der Sommer kommt, und bei Frauen zählen nur zwei Dinge: Guter Körperbau oder fettes Auto.“ Sagt der andere: „Es gibt noch ein Drittes, aber das kann ich jetzt nicht sagen.“ Sagt der erste: „Das zähl ich unter guter Körperbau.“

(Ich bin seit vier Tagen unterwegs. Und ich bin wütend.)

Frauen, die alleine reisen, sind für so einige Männer so etwas wie ein persönlicher Angriff. Als würde man sie ganz persönlich provozieren wollen. Schließlich eignet man sich Welt an, ohne den Umweg Mann. So für sich halt. Dass nicht wenige Typen derartiges Tätigsein von Frauen nicht wollen, wird spürbar, wenn man diese Grenze überschreitet. Frauen sollen sich nicht komplett wohl fühlen, wenn sie alleine sind. Sie sollen ein wenig eingeschüchtert bleiben und sich bewusst bleiben, dass sie schutzlos sind, wenn sie allein sind. Es ist ganz normal, dass man Momente der Unsicherheit hat, wenn man allein unterwegs ist. Ist halt nicht zu hause, ne. Nachdem sich dieser Typ auf der Piazza so aufdringlich neben mich gesetzt hat, mich angrinsend, bin ich aufgestanden und gegangen. Ich bin wütend, und zittere ein wenig. Dann fällt mir ein, Israel, Tel Aviv, ich am Strand. Kommt ein Typ, setzt sich neben mich, fragt, ob ich wüsste, wie spät. Als ich von meinem Telefon hoch gucke, presst er seinen Kopf an meinen und drückt mir seine Zunge in den Mund. Ich kriege in dem Moment nur „Stop it! I don‘t want that!“, raus (in diesem Sinne, ja #metoo), packe so schnell wie möglich meine Sachen und gehe. Als ich in der Umkleide ankomme, weine ich, vor Schreck, vor Wut. (Ich hatte zu der Zeit im übrigen sehr kurze braune Haare und drei Piercings im Gesicht. Warum ich das erwähne? Weil ich mich zur Zeit selber dabei beobachteten kann, wie ich mich frage, ob diese ganzen Sprüche was mit den wasserstoffblonden Haaren zu tun haben, ob ich also selbst Schuld bin, ob mir das alles nicht passieren würde, wenn ich „richtig“ bekleidet wäre. Aber nein, erinner ich mich dann. Sexismus passiert allen Frauen. Und nein, es ist niemals ihre Schuld.) Frauen sollen Männer brauchen, um sich in der Welt wirklich sicher fortbewegen zu können. Sie sollen das nicht in der selben Art und Weise tun können wie Männer. Sie sollen wissen, dass diese Welt nicht ihre, und potenziell bedrohlich ist.

Ich schreibe das nicht, damit die linken Männer, die ich mag und liebe und die meine Freunde sind, das hier lesen, sich entspannt zurück legen, und denken: Geil! Ich bin nicht so ein Arsch. Ich schreibe das, liebe Freunde und Genossen, damit ihr das nächste Mal an diesen Text denkt, falls euch eine Genossin auf Reisen begegnet. Dass wenigstens kurz in eurem Bewusstsein aufblitzt, was sie schon erlebt hat, oder noch erleben wird. Und zwar einfach nur, weil sie Frau ist.

Und ich schreibe das, damit meine Freundinnen und Genossinnen, die ähnliches erlebt haben – von einigen weiß ich es – sich erinnern: Es ist nicht eure Schuld! Never.

Ich trage jetzt Lippenstift auf, ziehe mir ein Kleid an, und setze mich in eine Bar. Ich möchte niemanden kennenlernen. Ich will einfach nur das machen, worauf ich Lust habe.

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